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06.06.2019

Das sechste Spiel

Die Viertelfinalserie gegen Genf ist ein harter Kampf, geprägt von den vielen Verlängerungen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das sechste Spiel...

Wir führen in Genf mit 2:0 und erhalten in der letzten Minute noch zwei Gegentore. Es geht in die Verlängerung und bis spät in die Nacht. Die erste Verlängerung ist noch so, wie wir es alle gewohnt sind. Die Intensität ist noch hoch, es ist einfach eine «normale» erste Overtime. Mein Zeitgefühl ist weg, die Matchuhr rückt in den Hintergrund. Es zählt nur der nächste Einsatz. Die erste Verlängerung bringt keinen Sieger hervor. Nach 80 gespielten Minuten gibt es in der Pause einige Snacks, um unsere Energiespeicher zu füllen. Im Angebot stehen Salznüsse, weisses Toastbrot mit Bündnerfleisch, diverse Gels, Bananen, Carbo-Getränke. So gehen wir in die zweite Verlängerung. Nach dem erneuten Seitenwechsel ist es für beide Teams wieder einfacher, Spielerwechsel vorzunehmen. Aber mit schwindenden Kräften wird es schwieriger, ein Tor zu schiessen. 

Während eines Spiels tausche ich mich häufiger mit den Verteidigern aus, da wir alle an auf derselben Seite sitzen und die Stürmer auf der anderen. Vor allem Beat Gerber und ich sprechen oft miteinander auf der Bank, und wir haben dabei auch viel Spass.  Aber in diesem Moment geht es nicht mehr um Spass in unseren Gesprächen, sondern um das Pushen. Wir stacheln uns gegenseitig an, dass der jeweils nächste Einsatz der beste sein werde. Defense First ist das Motto beider Teams. In den Zonen, in denen es bei Puckverlusten gefährlich wird, wählen alle immer die defensivere Variante. Deshalb endet auch die zweite Verlängerung torlos.

Es folgte das gleiche Prozedere wie nach 80 Minuten. Alle versuchen, ihren Speicher, so gut wie es geht, aufzufüllen. Normalerweise tauschen wir uns in den Pausen aus, doch jetzt ist es sehr ruhig in der Garderobe, alle sind mit sich selbst beschäftigt und äusserst konzentriert. Als wir wieder auf den Weg zum Eis machen stacheln wir uns noch einmal an: Es braucht einen einzigen Schuss. Jemand aus dieser Garderobe wird es sein. Auf geht’s...

Der weite Weg beim Spielerwechsel öffnet das Spiel nun wieder etwas. Die Druckphasen gehen hin und her, mal hat Genf den Puck längere Zeit, dann wieder wir. Auf der Bank sage ich zu Beat Gerber: «Hast du noch Energie?» Er antwortet kurz und bündig: «Unti, du weisst es, wir haben immer Energie. Wir werden nie müde.» Von diesem Zeitpunkt an weiss ich, dass wir dieses Spiel gewinnen. Als Mark Arcobello uns dann in den Halbfinal schiesst, ist das ein unglaubliches Gefühl. Alle springen aufs Eis um zu jubeln. Normalerweise sprinten wir zum Gamewinner, doch dieses Mal schleichen wir hin. Alle sind extrem müde. Körperlich wie auch mental. Ich denke, vor allem das Mentale war die grosse Herausforderung. Denn über so lange Zeit den Fokus hoch zu halten ist sehr kräftezehrend. Es dauert ewig, bis wir unsere Ausrüstung ausgezogen haben. Doch die Glücksgefühle lassen alles vergessen. Ich denke, jeder kennt das Gefühl, völlig übermüdet zu sein und nur noch lachen zu können. Genau so ergeht es uns. Egal, wer was sagt, wir lachen und lachen. Es ist ein Moment, den wir nie mehr vergessen werden. 

In der nächsten Kolumne geht es um die Bedeutung des Teamgeists.

(Dieser Beitrag wurde von SCB-Spieler Ramon Untersander im Rahmen einer mehrteiligen Kolumne verfasst.)